504 („fünfhundertvier“)

Heute auf dem Tisch: Kein Spiel, sondern ein in Schachtelform publiziertes wissenschaftliche Paper zum Thema Eurogames.

Dabei sind: Stefan, Jochen, Jerry

Gespielt wird bei: Jerry


1. 504 von Friedemann Friese, 2F 2015

LHC (Medium)

Der heilige Gral der theoretischen Physik ist die sogenannte Weltformel (Theory of Everything), ein mathematisches Modell, das alle bekannten physikalischen Phänomene erklären und insbesondere Gravitation, Elektromagnetismus und Kernkraft einheitlich beschreiben soll. Um sie zu finden wurden und werden Milliarden investiert, nicht zuletzt mit dem Bau des Large Hadron Colliders in Genf. Noch ist die Weltformel nicht entdeckt, aber auf dem Weg dahin geht es stetig voran.

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Mit „504“ von Friedemann Friese liegt uns nun eine Schachtel vor, deren Inhalt in eine ähnliche Richtung zielt: Ein Regelsystem,  das einen großen Teil der bekannten Spielmechanismen von Eurogames unter einen Hut bringen und zu einem Spielsystem vereinen will.

504 ist nicht einfach zu erklären, denn es ist nicht ein Spiel. Vor uns liegt eigentlich eine modular aufgebaute Spielesammlung, bei der wir uns in jeder Partie drei zentrale Mechanismen aussuchen und diese zu einem Regelwerk kombinieren woraus dann eine bestimmte Ausprägung von „504“ entsteht.

Wie funktioniert das? Zunächst hat 504 regeltechnisch ein schlankes Grundgerüst: es gibt eine aus Hexfeldern variabel aufgebaute Karte im Siedler-von-Catan-Stil mit Städten, Wäldern, Wiesen usw.  Wir Spieler haben Bewohner und Siedlungen und mit diesen bereisen wir in irgendeiner Form diese Welt. Wenn ein Spieler dran ist, ist seine Zugstruktur in einem gewissen Rahmen vorgegeben: mit Geld kaufen wir Ressourcen ein, dann agieren wir auf dem Brett und zuletzt erhalten wir Einkommen.  Was aber nun genau passiert, hängt davon ab, welche Spielmodule wir wählen.

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Es gibt insgesamt 9 Spielmodule und jedes davon lehnt sich an aus anderen Eurogames bekannten Spielmechanismen an. Die 9 Module sind:

  1. Wir transportieren Waren über den Spielplan
  2. Es erfolgt ein Wettlauf zu Feldern des Plans
  3. Privilegien gewähren uns individuelle Spielvorteile
  4. Wir greifen die Mitspieler durch Militär an
  5. Wir entdecken den Plan erst nach und nach
  6. Wir bauen Straßen zwischen Feldern
  7. Wir versuchen, Mehrheiten zu erlangen
  8. Wir produzieren Waren
  9. Wir handeln mit Aktien

In jeder Partie 504 suchen wir uns nun drei verschiedene Module aus und setzen eines auf Regelposition 1, eines auf Regelposition 2 und eines auf Regelposition 3. Die Position bestimmt dabei, wie das Modul auf das Spiel wirkt. Position 1 bestimmt das Spielziel und wofür wir Siegpunkte bekommen. Position 2 legt fest, wie wir unser Einkommen erhalten und Position 3 bringt zusätzliche Variabilität ins Spiel. Aus dieser Kombinatorik ergibt sich auch der Titel des Spiels, denn es gibt 9 x 8 x 7 = 504 Möglichkeiten, die Spielmodule auszuwählen.

Zur Vorbereitung hatte ich solo schon die Version 1-2-3 ausprobiert. In unserer ersten, richtigen Probepartie spielen wir nun die Kombination 8-2-3: Produktion, Wettlauf, Privilegien. Es ergibt sich ein Spiel auf einer offenen Karte, bei der wir auf den Landfeldern Fabriken und in den Städten Handelshäuser bauen, beides mit dem Ziel, möglichst unterschiedliche Waren zu produzieren. Unser Einkommen erhalten wir dadurch, dass wir möglichst schnell zu verschiedenen Feldern und Städten ziehen. Zusätzlich gibt es Privilegienkarten, die uns diverse Sondereigenschaften verleihen.

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In Spiel zwei tauschen wir nun das Modul an Position 1 aus und spielen die Kombination 7-2-3: Mehrheiten, Wettlauf, Privilegien. Wieder bekommen wir Einkommen durch schnelles Erobern des Plans, wieder gibt es die Privilegienkarten. Aber das Spielziel ist diesmal, in drei Wertungen Mehrheiten bei den besiedelten Landschaftsfelden zu bekommen.
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Unsere beiden Probespiele dauern netto je ca. eine Stunde, während der jeder Spieler etwa 7-9 mal an die Reihe kommt.Das Regelwerk ist dabei recht schlank und ohne große Haken und Ösen – wenn man es denn erstmal verinnerlicht hat. Denn die Regeln der 504 verschiedenen Spiele stehen natürlich nicht auf 1008 Seiten niedergeschrieben. Stattdessen muss man sich das Regelwerk für jede konkret gewählte Variante selbst zusammenpuzzlen, was gar nicht so leicht ist.  Denn die Einzelregeln  der verschiedenen Module sind nicht einfach linear herunter geschrieben, sondern enthalten eine Reihe von Querbezügen auf die anderen Module. Wenn man also zum Beispiel die Regeln des Moduls Produktion durchliest, findet man dort Passagen, die nur angewendet werden dürfen, wenn gleichzeitig das Modul Transport oder das Modul Aktien oder das Modul Militär benutzt wird. Desweiteren legt jedes Modul für sich fest wie viel Starteinkommen es gibt, welche Karte benötigt wird und in welcher Reihenfolge gespielt wird. Welche Teilregeln tatsächlich zum Tragen kommen, wird durch einen Priorisierungsmechanismus festgelegt, der es erfordert, die Regelpassagen aller drei Module miteinander zu vergleichen.

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Ein ähnlicher Aufwand muss für den tatsächlichen Aufbau des Spieles betrieben werden. Denn naturgemäß enthält das Spiel das komplette Material für alle neun Module, wovon in einer konkreten Partie aber nur ein Teil verwendet wird. Also muss man zu Beginn die für die konkret gespielte Variante benötigten Teile heraussuchen, ordnen und den passenden Spielplan aufbauen. Beides zusammen – das Erarbeiten der Regeln und das Sortieren des Materials – kann optimisch geschätzt 15-30 Minuten veranschlagen.

Das eigentliche Spielerlebnis selbst kann an dieser Stelle gar nicht bewertet werden, denn wir konnten nur drei der 504 verschiedenen Varianten ausprobieren (1-2-3, 7-2-3, 8-2-3). Die drei Kombinationen die auf dem Tisch waren würde ich zweimal als „ok“ und einmal als „mäßig“ bewerten. In allen drei Fällen steht nach meiner Erfahrung aber der Aufwand zur Vorbereitung in keinem Verhältnis zu Spielspaß und Spieltiefe. Die Spiele funktionierten halbwegs, fühlten sich aber recht blutleer und trocken an.

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Was kann man daraus schlussfolgern? Mit einem Zeitaufwand von um die 6 Stunden ist es uns gelungen, gerade einmal 3 der 504 Varianten je einmal auszuprobieren, also müde 0.6% alle möglichen Spiele, wobei die drei Spiele von uns die BGG/Spielbox Note 4, 5 und 6 bekommen hätten. Aus dem Bauch heraus würde ich vermuten, dass sich der Zeitaufwand von etwa 2 Stunden pro Partie auch bei mehrmaligem Spielen nicht nennenswert reduzieren wird. Würden wir also sämtliche Mittwochstermine des Jahres 2016 dem Spiel 504 widmen, dann hätten wir am Ende des Jahres erst 10 % aller möglichen Varianten gesehen – falls es die Mittwochrunde dann überhaupt noch geben würde.

Als einzelne Spielegruppe steht man also bei diesem Spiel auf verlorenen Posten. Es könnte sein, dass in diesem Heuhaufen aus 504 verschiedenen Spielen vielleicht eine kleine Menge an goldenen Stecknadeln versteckt ist. Diese alleine aufzuspüren, ist jedoch hoffnungslos. Es braucht die Erfahrungen anderer Spielergruppen, um auf gute Varianten hingewiesen und vor Rohrkrepierern gewarnt zu werden. Ob dies allerdings tatsächlich geschehen wird, ist zweifelhaft.

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Was haben wir hier also vorliegen? Ein Spiel? Keinesfalls! Eine Spielesammlung? Schon eher. Ein modulares Spielsystem? Das trifft es am ehesten.

Wirklich? Oder haben wir hier vielleicht doch etwas ganz anderes auf dem Tisch. Wenn man 504 von einer Metaebene betrachtet, dann scheint es doch eher eine Art wissenschaftliche Arbeit zum Thema „Mechanismen in Eurospielen“ zu sein. Friedemann Friese ist es gelungen, ein Spielsystem zu formulieren, in dem Altbekanntes immer wieder zerlegt und neu zusammengesetzt wird. Die Weltformel der Eurogames sozusagen. Von einem analytischen Standpunkt aus ist das faszinierend und kann nur als absolut großartige theoretische Leistung gewürdigt werden. Vom Standpunkt „ich will spielen und dabei Spaß haben“ muss 504 allerdings als Frechheit gewertet werden, denn Aufwand und Spaß stehen in keinem Verhältnis zueinander – ganz wie in der theoretischen Physik.

Kombiniert man nun diese beiden Erkenntnisse, dann erscheint 504 schon fast wie eine Persiflage auf den Zoo existierender Eurospiele. Ein Spiel, sie alle zu binden. So gesehen könnte das Spiel eine gute Investition sein: man kauft es einmal für ca. 60 € und hat damit ein für alle Mal all die blutleeren, mittelmäßigen und rechenlastigen Spiele abgedeckt, die ganz hinten im Regal verstauben. Das spart Platz und Geld.

Fazit: 504 ist eine Erfahrung mit hohem, theoretischen Erkenntnisgewinn. Aber ob ich es nochmal spielen will? Ich weiss es nicht. Vielleicht in einem Jahr, wenn sich mit Hilfe der weltweiten Spielerschwarmintelligenz die besten 5 Varianten herausgeschält haben.

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3 Gedanken zu “504 („fünfhundertvier“)

  1. Schon nach der Spielbeschreibung auf Friedemanns Webseite, hatte ich eine ähnliche Vermutung. Es werden sich allenfalls einige wenige Belegungen als wirklich spielenswert herauskristallisieren. Vielleicht gehen einige Spieler sogar hin und verpassen diesen Belegungen noch den letzten Schliff.
    Ich vermute also, dass in den nächsten Jahren – vermutlich von Dritten – Spiele der Form 504-7-2-5 mit konkreter Regelinterpretation veröffentlicht werden.
    Ähnlich wie es ja auch zu Civilization und 18xx Varianten und Regelerweiterungen gibt.

    — Ludger

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    1. Andersrum wird ein Schuh draus: so gut wie jedes Eurogame lässt sich in Grundzügen mit einer 504-Kombination nachstellen, weil FF mit seinen 9 Komponenten nunmal die grundsätzlichen Elemente von Eurogames abgebildet hat.
      Ein beliebiges Spiel, das „Militär“, „Privilegien“ und „Wettlauf“enthält, könnte man also „4-3-2“ nennen.
      Aber ohne jeden Erkenntnisgewinn, denn wenn ich ein solches Spiel designen will, brauche ich 504 nicht.

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  2. Ich glaube/fürchte dass 504 sehr bald in der Versenkung verschwinden wird. Wie gesagt: als analytische Leistung ist es m.E. ein Meisterwerk aber es isr eben leider kein Spiel. N.b. würden mich mal die Verkaufszahlen interessieren; wenn man den Vor-Messe-Hype extrapoliert, müsste es rein wirtschaftlich ganz gut gelaufen sein – was ich Friedemann wirklich sehr gönne!

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