Steam Time, Favor of the Pharaoh

Kurz vor Heiligabend. Kein Grund, das Spielen ausfallen zu lassen.


1. Steam Time von Rüdiger Dorn, Kosmos 2015

Steampunk. Schon wieder so ein Genre der Popkultur, unter dem jeder was anderes versteht. Ok, irgendwie geht’s da um das Aufeinandertreffen von Technik und klassischer Retro-Ästhetik. Dampfmaschinen und viktorianische Kostüme. Luftschiffe und 30er Jahre Schlapphüte. Rund um diesen Ansatz gibt es haufenweise Comics, Computerspiele, Bücher oder Filme wie z.B. den optisch grandiosen ansonsten aber eher mäßigen Sky Captain and the World of Tomorrow. Und natürlich Brettspiele wie z.B. Planet Steam oder Kings of Air and Steam. Immerhin knapp 150 Titel zum Stichwort Steampunk spuckt die BGG Datenbank aus.

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Ganz neu in dieser Familie „Steam Time“. Wow, ein durchgeknalltes Luftschiff in bunter Optik schwebt über dem Steinkreis von Stonehenge. Cool!  Aber, hey, da steht als Autor Rüdiger Dorn. Rüdiger Dorn? Hmm. Zugegeben, der Mann ist einer meiner Lieblingsautoren, aber man kann nun nicht gerade behaupten, dass er in der Vergangenheit durch thematisch griffige Titel aufgefallen ist. Aber wir kennen ja die Brettspielszene: Ob ein Thema zum Spiel passt oder auch nur ansatzweise darin aufgegriffen wird, ist eher nebensächlich. So auch hier.

Was passiert? Steam Time ist zunächst mal ein waschechtes Worker-Placement Spiel. Drei schlichte Holzluftschiffe hat jeder von uns und diese setzen wir im altbekannten Turnus auf Aktionsfelder in der Mitte. 6 Reihen mit je 5 Aktionsfeldern stehen uns zur Verfügung, wobei die Aktionen dem üblichen Muster folgen: Aktionen, die uns Ressourcen in Form von Geld, Edelsteinen oder Dampf (Steam) liefern, Aktionen mit denen wir Siegpunktkarten erwerben und Aktionen, die uns einen dauerhaften Spielvorteil in Form von Einkommen liefern. Schlau gemacht ist dabei die Regel, dass ich die Reihen nur von unten nach oben besuchen darf, sprich, dass neue, eigene Worker immer nur oberhalb bereits gesetzter Worker eingestellt werden dürfen.

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Siegpunkte gibt es – wie üblich – zum einen während des Spiels als Sofortausschüttungen als auch durch Wertungskarten am Ende der Partie. So weit, so bekannt.

Siegpunkte im Spiel

Siegpunkte am Spielende

Wichtigste Ressource im Spiel sind Edelsteine, die es in 6 Farben plus einer Jokerfarbe gibt. Diese Steine kaufen wir mit Geld und legen sie auf unser Spieltableau in dafür vorgesehene Leisten, getrennt nach den unterschiedlichen Farben. Hier sieht man z.B. ein Tableau mit drei Steinen in der grünen Leiste oben links und zwei Steinen in der darunter liegenden violetten Leiste.

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Steine, die in meinem Tableau liegen haben nun einen doppelten Vorteil: Zum Einen kann ich sie ausgegeben, um mir attraktive Siegpunktkarten oder Einkommensplättchen zu kaufen, zum Anderen wirken sie aber als dauerhafter Spielvorteil, so lange sie in ihren Leisten liegen bleiben. Die drei Steine in der grünen Leiste bedeuten z.B., dass ich jedesmal, wenn ich auf dem Brett ein grünes Aktionsfeld auslöse, sofort drei Siegpunkte extra bekomme. Dieser kleine und elegante Mechanismus, stellt uns immer wieder vor die spannende Entscheidung, ob ich einen Edelstein lieber auf dem Brett behalte, um langfristig immer wieder seinen Bonus abzugreifen oder ob ich ihn ausgebe, um ein attraktives Plättchen oder ein fette Karte zu kaufen.

Beides zusammen: die Zwänge bei der Einsetzreihenfolge und das Dilemma kurzfristiger vs. langfristiger Nutzen kombinieren sich zu einen anspruchsvollen, aber nicht überladenen Spielablauf.  Steam Time belohnt – wie so viele Eurospiele – kluges Ressourcenmanagement ohne dabei ein Mangelspiel zu sein. Es gibt reichlich Gelegenheiten, an Geld und Edelsteine zu kommen, die Kunst ist eher, diese möglichst effizient auszugeben. Mir selbst passiert es z.B. dass ich viel mehr Geld horte als notwendig und so am Ende des Spiels auf einem beträchtlichen, aber siegpunkttechnisch irrelevanten Goldschatz sitzen bleibe.

Ein weiterer, feiner Mechanismus ist eine kleine Uhr, die jeder unten links auf seinem Tableau hat.  Auf dieser Uhr steht ein Marker, den wir durch bestimmte Aktionen vorwärts setzen dürfen. Nach 5 Schritten hat der Marker die Uhr umrundet und dies spendiert uns einen Extrazug, bei dem wir das Aktionsfeld (im Gegensatz zu den Standardzügen) vollkommen frei wählen dürfen. Das macht kräftig zusätzliches Tempo. In unserer Runde kriegt Philippe das am besten hin und erarbeitet sich zu seinen 15 Standardaktionen weitere 4 Extraaktionen; ein Plus von 25% welches sicher mit ausschlaggebend für seinen Spielsieg ist.

Die Optik von Steam Team ist knallbunt aber für meinen Geschmack ansprechend und übersichtlich genug. Wie oben angedeutet, ist das Thema ein schlechter Witz, denn was dieses Spiel nun mit Steampunk zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht.  Da helfen weder die Luftschiffe, noch die Bauten, noch die Personenkarten mit prominenten Wissenschaftlern wie Tesla, Leibnitz oder Huygens weiter

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Nach gut 90 unterhaltsamen Minutem liegen die drei Führenden mit 81, 79 und 78 Punkten eng zusammen, nur ich selbst versäume es, die doch recht wichtigen Endwertungskarten zu ergattern und bin mit 70 Punkten abgeschlagen. Aber egal! Denn trotz des letzten Platzes hat Steam Time Spaß gemacht. Auch dies ist wieder ein Spiel, das bei mir den Wunsch nach einer schnellen Revanche auslöst. Das Spiel spielt sich flüssig runter, ist trotz der vielen Symbole und Orte schlank und geradlinig und bietet für meinen Geschmack, eine Reihe von schlauen und (halbwegs) neuen Ideen. Der Mechanismus, dass Edelsteine gleichzeitig Währung als auch Einkommensquelle sind, gefällt mir persönlich dabei am besten. Insgesamt: Empfehlenswert!


2. Favor of the Pharaoh von Tom Lehmann, Bezier Games 2015

Würfelspiele sind immer gute Absacker. Also kommt zum Abschluss des Spieleabends ein solches auf den Tisch. Favor of the Pharaoh ist eine Komplettüberarbeitung des alten Um Krone und Kragen, ebenfalls von Tom Lehmann und satte 50 Euro musste ich in Essen dafür hinlegen. Teuer, teuer. Aber egal: Würfelspiele sind toll. Was kostet die Welt?

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Favor of the Pharaoh ist ein schnelles Würfelspiel bei dem wir mit wenigen Würfeln starten und uns nach und nach neue Würfel hinzuverdienen. Jeder startet mit drei simplen Würfeln und hantiert mit denen nach bekanntem Muster: Würfeln, mindestens einen Würfel rauslegen, nochmal würfeln. Das ganze so lange, bis man nicht mehr kann oder will. Mit den erwürfelten Kombinationen kaufen wir Plättchen, die uns ab der nächsten Runde weitere Würfel geben oder Sonderaktionen gewähren, mit denen wir unsere Würfe manipulieren können. Ziel: einen möglichst hohen Wurf mit mindestens 7 gleichen Augen zu schaffen.

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Die Plättchen kaufen wir aus einer zentralen Auslage. Mit einem einfachen Pasch kann ich z.B. ein Plättchen aus der untersten Reihe kaufen, während ich für die mächtigeren Plättchen aus den oberen Etagen schon Fünflinge, lange Straßen oder andere, hochwertige Kombinationen brauche. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger hat Favor of the Pharaoh dabei einen variablen Spielaufbau. Es gibt viele verschiedene Plättchen, von denen stets nur eine Auswahl im Spiel ist. Der Spielaufbau ist also von Partie zu Partie unterschiedlich. Auch bei den Würfeln gibt es Abwechslung, denn es gibt es nicht nur die altbekannten Standard W6 Würfel, sondern dazu eine Reihe von Sonderwürfeln, die z.B. höhere oder niedrigere Augenzahlen zeigen oder Sonderfunkionen wie Joker oder zusätzliche Würfelwürfe bieten.

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Ich persönlich spiele solche Spiele sehr gerne. Man zockt, hofft, manipuliert die Auslage, triumphiert oder heult frustriert auf. Kurz, einfach, mit ein bisschen Glück und ein bisschen Würfeldreherei. Gerade das Richtige, zum Aufwärmen oder Runterkommen. Favor of the Pharaoh ist derzeit nur in englisch verfügbar, bietet aber weitestgehend sprachneutrales Material und kann so auch von Fremdsprachenmuffeln mitgespielt werden. Teuer, aber für Würfelfans empfehlenswert.


Dabei waren: Stefan, Philippe, Tom & Jerry
Gespielt wurde bei: Jerry

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