Pandemic: Legacy

Als Tom kurz vor Weihnachten fragte, welches Spiel er sich zum Fest wünschen könnte, war ich etwas ratlos. Mehr als 70 Neuheiten hatten wir 2015 schon durchgespielt und die meisten guten Spiele des Jahrgangs lagen schon in den Regalen der Mittwochsspieler. Was also nehmen? Bei solchen „Problemen“ hilft BGG. Was ist denn gerade „hot“? Hmm … Pandemic Legacy. Immer noch. Und – huch! – das ist ja schon auf Platz 4 der Bestenliste geklettert. Wie das denn?

Das Pandemic Basisspiel hatte ich ein paarmal gespielt aber dann wieder abgestoßen, weil kooperative Spiele bei uns nicht allererste Wahl sind. Ordentlich aber nicht ganz mein Ding. Und aus dem Grund hatte ich auch Pandemic Legacy nie sonderlich Beachtung geschenkt. Kurz in die BGG Kommentarspalte geklickt. Holla die Waldfee – so viele Kommentare mit 10 Punkten. Ist das jetzt der altbekannte BGG Fanboy Hype? Oder steckt da doch mehr dahinter? Lange Rede – kurzer Sinn: das Spiel lag am Ende bei Tom unterm Weihnachtsbaum. Praktisch, wenn die lieben Mitspieler investieren, das schont den eigenen Geldbeutel 😉

Ausgestattet mit vielen Urlaubs- und Ferientagen haben wir uns dann kurz nach Weihnachten drangemacht: Tom, Philippe, Jerry. Empfohlen wird eine Übungsrunde für Spieler ohne Vorkenntnisse. Gespielt, Glück gehabt, knapp gewonnen. Hmm… bis hierher nichts besonderes. Also auf in den Legacy-Modus. Und jetzt wird’s schwierig, denn naturgemäß soll (und wird) hier nicht verrraten werden, was im Laufe der Partien so alles passiert.

Was die meisten schon wissen: Pandemic Legacy ist ein erzählendes, sich veränderndes Kampagnenspiel, das auf dem originalen Pandemic basiert. Pandemic selbst will ich hier nicht nacherzählen; eine knackige Kurzdarstellung findet bei Udo Bartschs Rezensionen für Millionen. Kampagnenspiel bedeutet: über 12 Spielmonate versuchen wir kooperativ, sich weltweit ausbreitende Seuchen zu bekämpfen. Und während wir das versuchen, ändert sich das Spiel fortlaufend: Neue Regeln werden eingeführt, Sticker kommen permanent aufs Spielbrett. Spielercharaktere gewinnen neue Fähigkeiten, werden verletzt, können sterben. Karten kommen dazu, werden mit Aufklebern versehen oder sogar zerrissen.

Wie sieht das aus? Zentraler Motor ist ein Stapel von Ereigniskarten, die wir im Laufe der Kampagne zu genau definierten Zeitpunkten aufdecken oder freirubbeln. Dieses sog. „Legacy Deck“ steuert also das Fortschreiten des Spiels.

Auf Anweisung dieser Karten öffnen wir Türchen, die sich in einer Art Adventskalender finden. Dahinter befinden sich zumeist Sticker, mit denen wir Regeln, Spielplan oder Karten modifizieren.

Noch spannender sind 8 verschlossene Pappschachteln im Spielkarton, denn diese enthalten zusätzliches Spielmaterial, das im Laufe der Kampagne eingesetzt wird. Geöffnet werden die Schachteln – natürlich – nur streng nach Anweisung. So sind Material, Regeln und Spielziel im ständigen Fluss.

Von einem analytischen Standpunkt aus haben wir hier also ein Spiel mit sich erweiternden Regeln, was für sich allein genonnen gar nicht so revolutionär ist, denn das gab es schon in Taktikkloppern wie z.B. Earth Reborn. Dazu kommt dann noch die ständig neue Startaufstellung durch das sich verändernde Brett. Aber auch das hört sich nicht so dramatisch an. Was macht also den Reiz von Pandemic Legacy aus?

Es ist zunächst der Erzählcharakter. Die erste Partie ist keine 20 Minuten alt, da werden zum ersten Mal unser Ziele und damit Pläne über den Haufen geworfen. Das, was vor einer Viertelstunde noch galt, ist auf einmal entwertet. Und dieses Umsteuern geschieht ständig. Das Spiel wirft uns mit seiner Variabilität immer wieder aus der Bahn und tut dies nicht auf beliebige Art und Weise, sondern in einem sich beschleunigenden Handlungsbogen. Und der macht neugierig, sehr neugierig Ich kann ohne jede Übertreibung sagen, dass ich in 35 Jahren in diesem Hobby noch nie ein Spiel auf dem Tisch hatte, bei dem ich nach Ende einer Partie so heiß auf die nächste Runde war. Pandemic Legacy zu spielen, ist wie eine gute Fernsehserie zu schauen (Breaking Bad oder House of Cards kommen da in den Sinn): Eine Folge ist vorbei, es ist spät und man ist eigentlich müde. Aber dieser blöde Cliffhanger will einem einfach nicht aus dem Kopf und so wird dann doch nochmal auf den Play-Knopf gedrückt. Passt auch, denn mit dem Untertitel „Season 1“ lehnt sich das Spiel ganz bewusst an die Namensgebung von Serienstaffeln an.

Das zweite, genauso kraftvolle Element bei Pandemic Legacy ist die gnadenlos fortschreitende Kampagne. Maximal zwei Versuche haben wir pro Monat, danach geht es weiter in der Handlung. Ein Charakter, der sich eine Verletzung einhandelt, bleibt dauerhaft gehandicappt, zerstörte Städte bleiben zerstört, zerrissene Karten sind zerrissen. Es gibt keinen Weg zurück. Das verleiht unseren Entscheidungen im Spiel eine zuvor nicht gekannte Tiefe und Endgültigkeit. Besonders schön wird das in dem Element der Spielendebelohnungen deutlich: Nach jeder Partie dürfen wir uns zwei Verbesserungen aussuchen, die uns das Leben in künftigen Runden erleichtern. Aber welche? Wollen wir unsere Charaktere mit mehr Optionen ausstatten? Karten aufwerten? Das Brett verbessern? Welche Unzulänglichkeiten hatten wir in der vergangenen Partie? Wie wird sich die Handlung wohl weiter entwickeln? Da wird gestritten und gerätselt und nach jeder Entscheidung bleibt das ungute Gefühl, vielleicht doch die falsche Option gewählt zu haben. Wo sich ein normales Spiel am Ende der Partie zurücksetzt, müssen wir hier mit unseren Entscheidungen leben.

Und diese Konsequenz macht das Spielerlebnis einzigartig: kluge Entscheidungen zahlen sich langfristig aus, ebenso wie uns stategische Fehler noch Runden später verfolgen. „Ist ja eh egal was ich jetzt mache“: diesen Satz hört man in Pandemic Legacy nur selten. Diese Langfristigkeit zieht sich als verbindendes Element durch den Spielverlauf: Genauso, wie wir uns auf die nächsten Partien freuen, denken wir an die bereits geschafften Episoden zurück.

Bleibt zu guter Letzt die leidige Frage nach dem Wiederspielwert. „Ich kauf doch kein Spiel und mach es kaputt“, ist ein allenthalben gehörter Einwand. Kaputt? In der Tat: Season 1 von Pandemic Legacy wird über mindestens 12, höchstens 24 Partien laufen. Danach kann das Spiel nur noch als reichlich zerzauste Basis für das originale Pandemic herhalten. Aber will ich das? Ist das überhaupt notwendig? Ganz ehrlich: es ist mir egal. Am Ende der Kampagne werden wir ca. 18 Partien gespielt und irgendwo zwischen 20 und 30 Stunden viel Spaß gehabt haben – von den Erinnerungen an dieses gemeinsame Erlebnis ganz zu schweigen. Das hebt Pandemic Legacy auf ein Intensitätsniveau, das normalerweise nur Rollenspieler oder Wargamer bei ihren mehrtägigen Marathonsitzungen kennen.

Ich lege mich fest: Pandemic Legacy ist das intensivste, innovativste, beste Spiel 2015, vielleicht sogar das beste Spiel seit Jahren. Seit etwa 2 Wochen ist es die neue Nummer #1 bei BoardGameGeek. Das hat es verdient und dort wird es geraume Zeit bleiben, dessen bin ich mir sicher.

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6 Gedanken zu “Pandemic: Legacy

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