Earth Reborn

Den Keller entrümpeln. Die Seminarbeit fertig schreiben. Die Steuererklärung machen. Jeder kennt das: Aufgaben, die man ewig vor sich herschiebt, obwohl man weiß, dass man sich besser fühlt, wenn sie abgehakt sind. Manchmal gibt es so was auch im Brettspielbereich.

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Earth Reborn: Ein episches Zweipersonenspiel, mit über 40 Seiten Regeln und einer großen, mit Material vollgestopften Kiste. 3 Jahre liegt es schon ungespielt im Regal, weil wir uns nicht an diesen Klopper herangetraut haben. Aber diesen Sommer ist es so weit: zusammen mit Tom wurde der innere Spieleschweinehund besiegt und das Biest gebändigt.

Earth Reborn ist ein Taktikshooter in Brettspielform von Altmeister Christophe Boelinger, aus dessen Feder schon das überaus gelungene Dungeon Twister stammt. In einer postapokalyptischen Zukunft treten die High-Tech Soldaten der NORAD gegen die finsteren Kultisten der Salemiten an. Dazu ziehen wir mit exzellent gestalteten Miniaturen über einen riesigen, modularen Spielplan, auf dem sich Gebäudekomplexe und Außenareale finden. Die Spielziele sind dabei genauso variabel wie der Aufbau: befreie eine gefangene Soldatin, jage ein ein Labor in die Luft, sichere ein wertvolles Relikt – da ist wirklich alles dabei.

Angriff auf das von zwei Zombies bewachte xxx.
Angriff auf den von zwei Zombies bewachten Generatorraum.

Im Spiel agieren wir abwechselnd, indem wir unsere Figuren in beliebiger Reihenfolge aktivieren und ihnen dann Befehle zuweisen. Bewegen, schießen, Nahkampf, Räume durchsuchen oder Gegenstände aktivieren: das sind die wesentlichen Aktionsmöglichkeiten. Diese können vielfältig kombiniert werden, so dass wir im Spiel einer enormen Freiheit an Handlungsmöglichkeiten gegenüberstehen.

Motor des Spiels sind Kommandopunkte und Befehlsplättchen. Auf den Befehlsplättchen sind die möglichen Aktionen vermerkt. Wir ordnen sie nach und nach unseren Figuren zu, um die Aktionen dann durch das Ausgeben von Kommandopunkten zu aktivieren. 10-20 diese Kommandopunkte stehen uns in etwa pro Runde zur Verfügung, so dass wir flexibel kombinieren können, trotzdem aber eingeschränkt sind.

Für 3 Kommandopunkte laufen, für 2 Punkte ballern
Colonel Bolter möchte für 2 Kommandopunkte laufen und für 3 Punkte ballern

Was sich aus den Aktionen machen lässt, hängt dabei maßgeblich von unseren Figuren ab, denn diese haben unterschiedliche Stärken und Schwächen: Lauftempo, Panzerung, Gesundheitspunkte, Nah- und Fernkampfskills sowie diverse technische Fähigkeiten verleihen unseren Kämpfern ganz unterschiedliche Schwerpunkte. Lt. Vasquez von den NORAD Soldaten ist eine agile Scharfschützin, die sich aber tunlichst von dem mit eine bionischen Kreissäge ausgestatteten Jack Saw fernhalten sollte, der als brutal effizienter Nahkämpfer glänzt.

Besonders gelungen ist dabei, dass alle Figuren eigene Sichtfelder haben. Von diesen leitet sich ab, wen und was eine Figur sieht, wie gut sie angreifen oder verteidigen kann. Die oben erwähnte Eliteschützin hat dabei fast perfekte Rundumsicht, während die unvermeidlichen Zombies fast blind durch die Gegend stolpern.

Links das halb blinde Zombie, rechts die hyperakive Scharfschützin
Links das halb blinde Zombie, rechts die hyperakive Scharfschützin (Sichtfelder in Rot und Orange)

Eine typische Aktion einer Figur sieht also wie folgt aus: bewegen, dabei ggf. Türen öffnen, schießen, kämpfen oder interagieren, dann weiter bewegen. Der nichtaktive Spieler ist dabei aber nicht zur Tatenlosigkeit verdammt, sondern kann den aktiven Spieler unter bestimmten Bedingungen unterbrechen, um mit einer eigenen Figur dazwischen zu grätschen, z.B. um sich taktisch zurückzuziehen oder einen Fernschuss aus sicherer Position abzugeben.

Genauso variantenreich ist der Spielplan, der nicht nur komplett modular aus Dutzenden von Teilen zusammengesetzt wird, sondern auf dem auch fast alles zerstörbar ist. Eine Tür ist im Weg? Schießen wir sie auf! Das Zombielabor nervt? Her mit dem Plastiksprengstoff! Der Busch versperrt die Sicht? Man reiche mir den Flammenwerfer.

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Jeff Deeler sprengt sich den Weg frei.

Earth Reborn ist ein Spiel, das uns enorme Handlungsfreiheiten bietet und dessen Gesamtkomplexität in den wenigen Zeilen dieses Blogs nur umrissen werden kann. Dies schlägt sich natürlich in den Regeln nieder, die einschüchternde 44 Seiten umfassen. Tatsächlich aber ist Earth Reborn leicht erlernbar, denn anstatt alle Regeln am Block hinzuwerfen, werden diese abschnittsweise eingeführt, wie in einem mehrschrittigen Tutorial: Erste Lektion: Bewegen und Nahkampf. Zweiter Teil: Unterbrechungen. Dritter Teil: Schusswaffen. Und so weiter. Für jeden Teilabschnitt gibt es dann ein eigenes Spielszenario, in dem man die neuen Regeln anwenden kann.

Natürlich ist klar: das kostet Zeit. 90 Minuten kostet ein Tutorialschritt, 9 solcher Schritte gibt es. Bis zum vollen Regelumfang ist es also ein weiter Weg, der aber zu keinem Zeitpunkt anstrengend oder langweilig wird. Denn Earth Reborn ist ein rasantes, spannendes Spiel, bei dem kein Stein auf dem anderen bleibt. Kluge taktische Entscheidungen sind ebenso vonnöten wie Würfelglück bei kritischen Proben. Und wenn wir dann Türen einschießen, Minen legen, die Stromversorgung mit einer Zeitbombe sprengen oder im Vollsprint eine Horde Zombies ausmanövrieren, dann fühlt es sich wirklich an, wie ein in Brettspielform gebrachter Actionreißer.

Uuund ... Action!
Uuund … Action!

Fazit: Ein thematisch brillantes, episches Spiel, wie ich es bislang noch nicht auf dem Tisch hatte. Variantenreich, flexibel, voller Überraschungen. Einziger Nachteil ist, dass man angesichts des hohen Lernaufwandes auf jeden Fall einen festen Spielpartner braucht. Wenn das aber gegeben ist, erwartet einen ein mitreißendes Spielerlebnis, das sich wohltuend vom üblichen Optimierungseinheitsbrei abhebt.

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2 Gedanken zu “Earth Reborn

  1. Kann mich allem hier gesagten nur anschliessen. Ich finde das Spiel hammermässig, habs aber leider – mangels ausdauerndem Mitspieler – noch nicht bis zum eigentlichen Spiel (dem SAGS-Modus) geschafft. So sitze ich auch jetzt hier, schreibe diesen Kommentar, blicke auf die Earth Reborn Kiste in meinem Regal und seufze…

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