The Manhattan Project

Die Mittwochsrunde ist dank unseres Spielebeschaffers Stefan enorm neuheitenlastig, 78 frischeTitel hatten wir allein 2015 auf dem Tisch. Das führt zu gnadenloser Selektion: ein Spiel das heftig floppt, bekommt nur selten eine zweite Chance. Aber manchmal gibt diese Momente, an denen man zunächst über ein Spiel ernsthaft ungehalten ist und schwört, es nie wieder in die Hand zu nehmen. Zu zufallslastig! Wirre Regeln! Schlecht balanciert! Aber wenn man drüber geschlafen hat und der erste Zorn verraucht ist, kriecht so eine Ahnung hoch, dass hinter dem vermeintlichen Ärgernis vielleicht doch eine Perle stecken könnte. Und manchmal stimmt das sogar.

Box

The Manhattan Project ist so ein Beispiel für ein Spiel, dass bei mir in der ersten Probepartie heftigen Missmut ausgelöst hat, sich aber nun zum absoluten Dauerbrenner in unserer Gruppe entwickelt hat. Auf der Spiel 2013 ist es uns zum ersten Mal über den Weg gelaufen, erklärt von einer regelfesten Verlagsdame, die uns im anschließenden Probespiel dann heftig abgelattet hat. Verlieren? Ich? Gegen eine Frau?!? Undenkbar! Das muss am Spiel liegen. Mies balanciert! Weg damit! Aber um es kurz zu machen: Das Spiel wurde einige Wochen später dann doch gekauft und kommt bis heute immer wieder auf den Tisch.

The Manhattan Project hat ein heiteres Thema: Den Bau von Nuklearwaffen. Wir Spieler repräsentieren namenlose Supermächte, die Mitte der 40er Jahre danach streben, handliche Atombomben zu konstruieren. Jede erfolgreich gebaute Bombe liefert uns Siegpunkte und wer als erster ein bestimmtes Punkteziel erreicht, gewinnt.

Bomben bringen Punkte
Bomben bringen Punkte

Der Bau einer Atombombe ist natürlich nicht ganz so einfach. Wir brauchen Baupläne für Bomben und  spaltbares Material in Form von Uran oder Plutonium. Das liegt natürlich nicht einfach so in der Gegend herum, sondern muss aus Uranerz produziert werden. Wir benötigen also Minen zur Erzgewinnung, Reaktoren oder Anreicherungsanlagen zur Weiterverarbeitung, Geld zur Finanzierung und jede Menge Leute in Form von Ingenieuren, Wissenschaftlern und Arbeitern.

Der Hauptspielplan. Oben Gebäude, die wir kaufen und auf unsere eigenen Pläne legen können.
Der Hauptspielplan. Oben Gebäude, die wir kaufen und auf unsere eigenen Pläne legen können.

The Manhattan Project ist im Kern ein klassisches Worker-Placement Spiel. Auf einem Hauptspielplan finden sich alle wesentlichen Aktionen wie ausbilden, Geld generieren oder Erz schürfen. Auf diesem Brett dürfen wir aber pro Zug nur eine Aktion nutzen. Tempo kommt erst durch unsere Spielertableaus ins Spiel, auf die wir nach und nach eigene Aktionsgebäude platzieren und von denen wir pro Zug beliebig viele nutzen dürfen.  Dabei sind diese persönlichen Gebäude deutlich effizienter, als die Aktionsorte auf dem Hauptspielplan. Wichtig ist also, auf dem eigenen Tableau eine möglichst kluge Produktionskette entstehen zu lassen.

Ein Spielertableau
Ein Spielertableau

Die mehr oder weniger friedliche Seite des Spiel sieht also so aus:

  1. Wir bilden Leute in Universitäten aus
  2. Wir generieren Geld in Fabriken
  3. Wir schürfen Erz in Minen
  4. Wir produzieren Spaltmaterial in Reaktoren
  5. Wir designen Bombenpläne im Labor
  6. Wir bauen die Bombe zusammen und bekommen Punkte

Daneben gibt es aber auch eine aggressive Seite: wir können bei den Mitspielern spionieren und so ihre Produktionsorte besetzen und wir können sogar mit (konventionellen) Luftschlägen die gegnerischen Orte beschädigen und so temporär aus dem Spiel nehmen. Diese direkte Konfrontation ist für US Spiele nicht ungewöhnlich, kommt aber nicht bei allen Spielern gut an.

Leute ausbilden - Erz schürfen - Uran produzieren - Bombe bauen
Leute ausbilden – Erz schürfen – Uran produzieren – Bombe bauen

Besonders interessant ist bei Manhattan Project die asynchrone Spielweise: jeder Spieler entscheidet selbst, wie viele Worker er pro Zug einsetzt und wann er seine Leute zurückholt, um so Worker und Aktionen wieder verfügbar zu machen. Das erfordert präzise Timingsteuerung und deckt ineffiziente Produktionsketten schonungslos auf.

Im Kern ist The Manhattan Project ein Wettrennen. Es gibt keine fixe Rundenanzahl, stattdessen gewinnt, wer seine Bomben als erster fertig hat, was in aller Regel  60 bis maximal 90 Minuten dauert. Dabei gibt es viele verschiedene Herangehensweisen, je nachdem welchen Bombentyp man baut, welche Ressourcen man primär produziert und wie aggressiv man agiert.  Für Abwechslung sorgen zudem die Nationenkarten, die uns Spielern individuelle Vorteile bringen und dadurch mehr Asymmetrie ins Spiel bringen.

Nationenkarten (großklicken lohnt)
Nationenkarten (großklicken lohnt)

In unserer Runde ist The Manhattan Project ein Dauerbrenner, weil es spielerisch und thematisch stark ist. Die eigenen Produktionsketten wollen klug aufgebaut sein, gleichzeitig muss man das Treiben der anderen Spieler immer im Blick behalten und ggf. mal kräftig draufhauen. All das bei sehr niedrigem Glücksanteil. Das ganze fühlt sich aber nie abstrakt an sondern wirklich wie ein Wettlauf gegen Zeit und Gegner. Zart besaitete Seelen mögen sich an dem etwas beunruhigenden Thema stören, aber letztendlich wollen wir unsere Bomben ja nur in die Vitrine stellen.  Seit 2014 gibt es eine deutschsprachige Version die neben dem Hauptspiel auch die Erweiterung „Second Stage“ enthält.

Fazit: Ein Topspiel, das sich immer noch frisch anfühlt.

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