Scythe – die ersten Partien

Ohne Zweifel: Mit 80€ ist Scythe das teuerste Einzelspiel, dass die Mittwochsspieler bis dato erworben haben. Da wollen wir mal hoffen, dass das Spiel seinen hohen Kaufpreis auch rechtfertigt. Nach 4 Partien kann nun ein erstes Zwischenfazit gezogen werden. Struktur und Regeln wiederhole ich nicht, wer mag, kann dies in unserem Vorbericht nochmal auffrischen. Wenden wir uns also direkt den Spielerfahrungen zu.

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Was für eine Art Spiel ist Scythe? Ein Kampf- und Eroberungspiel? Ein Ressourcenmanagementspiel? Ein Erkundungsspiel? Oder doch etwas ganz anderes?

Zunächst: Trotz der martialischen Mechs scheint Scythe deutlich weniger aggressiv zu sein, als vermutet. Kämpfe um Ressourcen oder Land sind eher die Ausnahmen, zumeist geht es nur darum, durch einen Sieg im Kampf einen der 6 Sterne ablegen zu dürfen. Viel wichtiger bei den Mechs ist, dass sie zum einen nützliche Transporter sind und zum anderen, dass ihr Bau wichtige Fähigkeiten freischaltet, allen voran die Verbesserung unserer Bewegungsoptionen. Erst nach zwei gebauten Mechs können wir das Brett komplett und in angemessener Geschwindigkeit bereisen. Ein Kampfspiel ist Scythe also definitiv nicht.

Spielsituation nach ein paar Zügen: Der Anführer ist durch den Tunnel zum Hauptland gelangt und strebt zur Fabrik
Spielsituation nach ein paar Zügen: Der Anführer ist durch den Tunnel zum Hauptland gelangt und strebt zur Fabrik. Links produzieren Arbeiter Ressourcen, bewacht von einem Mech.

Aber auch die Ressourcenoptimierung in Scythe ist weniger ausgeprägt als zunächst gedacht. Das liegt daran, dass jeder Kauf von Mechs, Rekruten, Gebäuden und Entwicklungen eine unmittelbar positive Auswirkung hat und jede dieser Dinge mit genau einem Ressourcentyp gekauft werden kann. Es lohnt sich daher kaum, Ressourcen von langer Hand anzusparen. Viel schneller und besser ist, ein von-der-Hand-in-den-Mund Spiel,  bei dem wir Waren zügig erwirtschaften und ebenso schnell wieder investieren. Es gibt keine Warenketten, keine Lagergrenzen, keine variablen Verwendungsmöglichkeiten. Was man hat, hat man und gibt es möglichst sofort wieder aus. Scythe ist also auch kein wirkliches Ressourcenmanagementspiel.

Nationen- und Spielertableau zu Spielbeginn
Nationen- und Spielertableau zu Spielbeginn
Nach ein paar Zügen. Die Pfeile illustrieren Ein- und Umsetzaktionen
Nach ein paar Zügen. Die Pfeile illustrieren Ein- und Umsetzaktionen

Kommen wir zum Erkundungsaspekt: Der Anführer zieht über den Plan und darf dort die sog. Begegnungskarten aufdecken. Nach kurzer Zeit wird klar: alle diese Karten folgen dem exakt gleichen Muster: (A): Gewinne wenige Waren und Ansehen. (B): Zahle Geld und gewinne mehr Waren. (C): Zahle Ansehen und gewinne viel Waren. Die schicken Grafiken trösten darüber ein wenig hinweg, aber letztendlich sind hier keine Überraschungen zu erwarten. Begegnungskarten sind also nicht mehr als simple Einnahmequellen.

Begegnungskarten
Begegnungskarten. Schick, aber spielerisch meist ähnlich.

Was also liegt hier vor uns? Meine Intepretation: Im Kern ist Scythe ein Wettrennen (genauso wie Euphoria und Viticulture vom gleichen Autor). Die auf den Plan gelegten Sterne sind nicht die einzige, aber wichtigste Siegpunktquelle. Wer am schnellsten alle 6 Sterne auf den Plan bekommt, hat tendenziell die Nase vorn. Es geht bei Scythe also darum, die verschiedenen Aspekte aus Erkundung, Kampf und Ressourcenmanagement möglichst effizient und zügig umgesetzt zu bekommen. Zentral ist dabei, dass man auf einem Feld des Spielertableaus im Idealfall zwei Aktionen auslösen kann. Nur wer diese optimal hintereinander puzzlet und diesem Synergieeffekt möglichst oft ausnutzt, hat eine Chance auf den Sieg. Scythe ist also eine Art Zehnkämpfer, der nichts optimal, sondern alles ein bisschen macht.

Zu guter Letzt: wie variabel ist Scythe? Die Antwort fällt auch hier eher ernüchternd aus: nicht sehr. Natürlich gibt es asymmetrische Spielerfähigkeiten und 1-2 weitere variable Faktoren, aber nach 4 Partien schält sich zumindest bei mir eine Art Standarderöffnung heraus, die i.W. darauf zielt, möglichst zügig die eigenen Bewegungsoptionen zu verbessern. Zugegeben: Es wird hier vermutlich noch andere brauchbare Vorgehensweisen geben, aber ich behaupte mal, dass deren Gesamtzahl eher überschaubar ist. Und an dieser Stelle muss ich natürlich jetzt den Vergleich zum dem 2016er Schwergewicht „Terraforming Mars“ ziehen, wo die Spielverläufe erheblich abwechslungsreicher sind.

Ordnung muss sein
Ordnung muss sein

Scythe ist ein gutes Spiel. Ob es sehr gut ist, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen, die Tendenz geht aber (sehr vorsichtig) zu „eher nicht“. Den exobitanten Preis rechtfertigt es nicht durch seinen Spielwert, sondern durch seine umwerfende Ästhetik, kombiniert mit einer wunderbaren Haptik. Die Grafiken der Karten, die Spielertableaus mit ihren versenkten Ablagepositionen sind ganz großes Kino, von den Mech- und Anführerfiguren ganz zu schweigen. Und ganz nebenbei wurden die Farben bei Scythe so gewählt, dass auch Leute mit Farbwahrnehumgsproblemen locker mitspielen können (was ein betroffener Mittwochsspieler auch prompt bestätigte). Hut ab!

Fazit: Das starke Thema, die tolle Grafik und der auf jeden Fall mehr als solide Spielwert hat den Kauf von Scythe unterm Strich gerechtfertigt. Nummer #1 im Bereich Schwergewichter 2016 bleibt bei uns aber …naja … ihr wisst schon

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Ein Gedanke zu “Scythe – die ersten Partien

  1. Sehr schön! Das deckt sich mit meiner Meinung zum Thema. Schönes Spiel, flutscht gut, aber kein Megaburner. Trotzdem mag ich es sehr (ich bin auch Fan von Viticulture) und bin froh es zu besitzen. Ich habe mir noch den Sortiereinsatz von Feldherr geleistet, der ist mit 17,99 (ich habe sogar für das letzte (Ausstellungs)Stück in Essen nur 15 Euro bezahlt) einigermaßen erschwinglich und sortiert die Sache ein wenig… Kann man sich aus Foamcore aber auch selbst basteln, wenn man gerne bastelt 😉

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