First Class

Manchester City vs. Real Madrid 2015. 72 Minuten gespielt. Immer noch 0:0. Kommentatoren nennen sowas gerne „Leckerbissen für Taktikfans“, was eine freundliche Umschreibung für „ödes Ballgeschiebe“ ist. Am Ende bleibt das Spiel torlos.

Borussia Dortmund vs. FC Malaga 2013. Es geht rauf und runter und nach 93 Minuten steht es 3:2 in allerletzter Sekunde. Herzkasperalarm.

Ein Spiel zum Vergessen. Ein Spiel für die Ewigkeit.

Umschaltung in die Brettspielszene.

Vor den Toren von Loyang / Rosenberg. Runde x. Kaufen, Anbauen, Ernten. Liefern. Ein Punkt für mich. Runde y. Verkaufen, Ernten, Liefern. Ein Punkt für dich.  Am Ende 18:17 für mich. Juhu!

First Class / Ohley. Runde 1: Kurze Züge, wenig Aktionen. 10 Punkte für mich. 15 für dich. Runde 2: Die Züge werden länger. Doppelaktionen. Zuvor Gelegtes punktet erneut.  35 Punkte für mich. 60 für dich. Schon 30 Punkte Rückstand. Aber dann Runde 3: Voller Ausbau. Alles was vorher gelegt wurde, schlägt jetzt voll durch. Doppler, Extraaktionen, Kettenaktionen, lawinenartige Punkteexplosion. 110 für mich, 75 für dich. Endstand 155 zu 150.

Ein Spiel zum Vergessen. Ein Spiel für die Ewigkeit.

Was reizt uns an Spielen? Klar: jeden etwas anderes. Der eine mag’s kreativ, der andere analytisch. Der eine mag’s laut, der andere eher besonnen. Einer will Interaktion, der andere lieber ungestört bleiben.

Für mich ganz vorne: Die Dynamik eines Spiels. Wie verändern sich Spielaktionen und -züge mit der Zeit? Wie verhält es sich mit der Situation auf dem Brett und der Machtbalance zwischen uns Spielern? Wann gibt es wie viele Punkte?

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Das Kartenspiel „First Class“  von Helmut Ohley ist so ein Spiel mit stark fluktuierender, nach hinten zunehmender Dynamik, bei dem die Anleihen an seinen großen Bruder „Russian Railroads“ unübersehbar sind. Wir bestücken zwei Züge mit Waggons, zunächst wertlose Null-Punkte Karren, und werten diese dann nach und nach auf. Erst 1, dann 2, 4, 7 und am Ende 12 Punkte pro Wagen, ein Ertrag, der in jeder nachfolgenden Wertung erneut ausgeschüttet werden.  Das führt zu einer nach hinten quadratisch zunehmende Punkteschwemme.

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Die gleiche Variabilität findet sich in unseren Aktionen. Am Anfang dominieren simple, in wenigen Sekunden abgehandelte Basisaktionen die durch das Nehmen einer Karte aus der Mitte ausgelöst werden: Nimm einen Waggon. Werte einen Waggon auf. Bring einen Waggon in die Wertung. Aber dabei bleibt es nicht. Clever eingesetzte Sonderkarten, klug eingesetztes Geld und Extraaktionen erlauben uns mit fortlaufendem Spiel immer beeindruckende Aktionsketten, bei denen binnen einer Runde aus einem traurigen Minizug ein prachtvoller Orient-Express werden kann.  Anstatt also monoton vor sich hin zu frickeln, ist das Spiel geprägt von Phasen ruhiger Vorbereitung, die dann durch spektakuläre Kettenzüge unterbrochen werden.

Unsere Züge in Runde 1: 3 Punkte obe, kein Punkt unten
Unsere Züge in Runde 1:
3 Punkte obe, kein Punkt unten

„Das ist ein Abschied mit Posaunen“ schreibt Erich Kästner über den September wenn am Ende des Sommers die fette Ernte eingefahren wird und genau das passiert in „First Class“, wenn man die Runden zuvor klug vorbereitet hat.  Da purzeln die Punkte auf’s Konto, dass es nur so eine Freude ist.

Runde 3:
Runde 3: 65 Punke oben, 13 Punkte unten

Und damit nicht genug: neben der Dynamik einer einzelnen Partie, bietet First Class zusätzliche Variabilität durch seinen modularen Aufbau an: Der Grundmechanismus (Züge bauen, aufmotzen, werten) bleibt immer gleich, wird aber durch 5 verschiedene Kartensets aufgewertet, aus denen wir Partie zwei auswählen. Passagiere steigen in unsere Züge ein und bringen Extraerträge. Bonuskarten werten beide Züge gleichzeitig auf. Besonders trickreich: das „Mord im Orient Express“ Kartenset, bei dem ein Spieler am Ende aus der Wertung ganz ausscheidet und das Spieler daran hindert, ein zu einseitiges PowerPlay aufzuziehen.

Reiseroute am Anfang: Eine müde Extraaktion
Unsere Reiseroute am Anfang:
Eine müde Extraaktion
Die Reiseroute am Ende: Etliche Extraaktionen und Sonderpunkte
Die Reiseroute am Ende:
Etliche Extraaktionen und Sonderpunkte

First Class bietet für mich ein sehr rundes und befriedigendes Spielerlebnis: man muss sowohl sorgsam und langfristig planen, als auch in den richtigen Augenblicken Sprints einlegen. Und im Gegensatz zu vielen anderen Eurogames, ist hier der Blick auf die Strategie des Nachbarn wichtig, denn durch geschicktes Wegschnappen von Aktionen kann ich ihm gehörig in die Suppe spucken. Die Spieldauer liegt bei 20 Minuten pro Spieler und die Regeln sind dabei schlank, übersichtlich und sauber aufgeschrieben. Besonderes Lob gebührt zudem dem Schachtelinlay, in dem das Material perfekt verstaut werden kann.

Inlay
Inlay

Insgesamt: First Class ist im ausklingenden 2016 noch mal ein echte Strategiehighlight, das sowohl Spieltiefe als auch -dynamik bietet. Klare Kaufempfehlung!

Dere Lohn der Mühe am Ende des Spiels
Der Lohn aller Mühen am Ende des Spiels

 

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