Nusfjord

Ich bewundere Uwe Rosenberg aufrichtig. Egal ob anspruchsvolle Klopper oder leichgewichtige Absacker: Seine Spiele funktionieren einfach tadellos, sind sauber designed und getestet. Hut ab.

Nun also Nusfjord, seine jüngste Kreation. Nusfjord ist ein Fischerdorf, den Rest der papierdünnen Rahmengeschichte sparen wir uns.

Was passiert?

In Nusfjord pflegt jeder Spieler ein eigenes Grundstück, an dem wir Schiffe anlegen lassen (bringen Fisch), Wälder aufforsten (bringen Holz), Gebäude errichten (bringen Spielvorteile) und „Älteste“ anheuern (bringen zusätzliche Aktionsfelder).

Unser Spieltableau

Das Ganze läuft dem bewährten Prinzip Workerplacement und Ressourcensammelei: Jeder von uns hat drei scheibenförmige Arbeiter, die wir entweder auf zentrale Aktionsfelder in der Mitte stellen oder eben auf unsere privaten Aktionsfelder (s.o.) Wie üblich bei Spielen dieser Art erwirtschaften wir Ressourcen (Fisch, Holz, Gold), um sie wieder in Gebäude, Schiffe oder Personen zu investieren. Diese Bauten haben doppelten Nutzen in Form von Effizienzgewinnen und Siegpunkten.

Die „Ältesten“ sind Aktionsfelder
Gebäude und Wälder
Diese Schiffe fangen 7 Fisch

Die Mechanismen mit denen wir an die Ressourcen kommen, sind dabei recht unterschiedlich: Holz ist am einfachsten: einmal die Axt im Wald geschwungen und schon rollen die Klafter heran. Fisch ist schon schwieriger: wir müssen Schiffe bauen, die zu Beginn einer Runde auf Fang gehen. Der so erbeutete Fisch geht aber nicht automatisch an uns, sondern muss teilweise erst zwischengelagert werden oder sogar an die gierigen Mitspieler abgetreten werden. Am seltensten ist Gold, das wir nur sehr mühselig ergattern können z.B. durch Abgabe von Fisch. Viel Fisch.

Luis Trenker wacht über die zentralen Aktionsfelder

Schön ausgedacht ist der Mechanismus mit den „Ältesten“: Das sind Karten, die wir als private Aktionsfelder kaufen können. Ein „Ältester“ kann aber nicht einfach so zur Arbeit getrieben werden sondern muss erst durch eine Fischportion aus einem allgemeinen Vorrat in gute Laune versetzt werden. Dieser Vorrat ist jedoch nicht automatisch gefüllt, so dass der Einsatz dieser Extrafelder zeitlich präzise geplant werden muss.

Sieben Runden mit je 3 Aktionen pro Spieler dauert eine Partie. Nach (bei uns) ca. 70 Minuten werden Gold und Punkte für Karten und Schiffen addiert und der Sieger gekürt.

Wie sieht das aus?

Nusfjord ist eher schmucklos. Ok, Fische sind fischförmig, Holz sieht wie Holz aus und die Ältesten haben zumindest ein Gesicht. Das Gold dagegen ist eher fipsig und die Gebäude sind schlichte Karten auf denen die Gebäudefunktion eher spröde mit reichlich Text dargestellt ist.

Wie fühlt sich das an?

Nusfjord kann seine rosenbergsche Herkunft nicht verleugnen: das private Grundstück, die scheibenförmigen Arbeiter, Holz und Fisch: Das riecht schon sehr nach Agricola. Dazu kommen die Gebäudekarten, die von Funktion und Wortwahl sehr an die Ausbildungen und Anschaffungen aus dem beliebten Landwirtschaftsklassiker erinnern: „Nach Aufforsten: Nimm +1 Gold und +2 Fisch“ heisst es da, oder „Jederzeit: Wandle 5 Fisch in 3 Holz“. Dabei ist Nusfjord aber reduzierter und kompakter: Weniger Ressourcen, keine Versorgungsproblematik, insgesamt ein straffer Spielablauf. Das gefällt.

Die Differenzierung zwischen den einzelnen Spielern geschieht dabei primär über die Gebäude- und Ältestenkarten, die uns Spielvorteile und vor allem allerlei Synergien bieten. Um in Nusfjord erfolgreich mithalten zu können, gilt es, diese Effekte zu erkennen und sich rechtzeitig die für die eigene Strategie günstigsten Gebäudekarten zu sichern.

Letzteres ist in Nusfjord durchaus eine Herausforderung, denn das Spiel ist lese-intensiv: Es gibt eine ganze Reihe von Karten im Blick zu halten, deren Funktion ausschließlich textuell dargestellt ist. Das ist im ersten Spiel schwer und – wenn man die Karten auf dem Kopf lesen muss – sogar sehr schwer. Und da die Kartenauswahl beträchtlich ist, wird es ein paar Partien dauern, bis man alle Kartenfunktionen so verinnerlicht hat, bis man das Spiel locker mitspielen kann.

Reichlich Gebäudekarten zum Durchlesen

Macht das Spaß?

Nusfjord wirkt wie ein Sammlung von Selbstreferenzen. Fast alles in diesem Spiel hat man bei Rosenberg anderswo schon gesehen und – wie üblich – funktioniert das nahtlos. Die (für diesen Autor) angenehm kurze Spielzeit fällt positiv auf und die vielen Verschränkungen und Synergien wollen erkundet werden. Das ist für Leute, die diese Art Spiel grundsätzlich mögen auf jeden Fall einen Blick wert.

Mich persönlich hat Nusfjord trotzdem nicht so sehr begeistert und zwar aus drei Gründen: Zum einen finde ich das ständige und wiederholte Durchlesen der textlastigen Karten recht ermüdend. 21 Karten liegen zu Beginn in der Mitte aus und zumindest in den ersten zwei Dritteln des Spiels werden es kaum weniger. Und auch die thematische Einbindung ist – mal wieder – nur sehr zart gegeben: Ok, Schiffe holen Fisch, Wälder bringen Holz. Das passt. Die Kartenfunktionen sind aber zumeist nach dem Muster „Wenn X dann Y“ gestaltet ohne dass zwischen X und Y ein nennenswerter Zusammenhang bestehen muss. Zu guter Letzt fehlen mir die emotionalen Höhepunkte: Kettenzüge, spektakuläre Würfelergebnisse, Gegenwind von den Nachbarn, dramatisches Versagen – das fehlt hier vollständig. Wie so oft bei Uwe Rosenberg haben wir hier eher eine minuitiös ausgerechnete Solotüftelei.

Fazit

Nusfjord ist spieltechnisch vermutlich ein gutes, vielleicht sogar sehr gutes Spiel, das ich ohne Protest jederzeit wieder mitspielen würde. Selbst kaufen oder vorschlagen würde ich es aber nicht, da mich das Thema und vor allem zu gesittete Ablauf eher kalt lassen. Für Rosenberg-Fans die ein Agricola-ähnliches Feeling in ~60 Minuten haben wollen, ist es aber gleichwohl eine Blick wert.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s