11.11.2018 – Reykholt

Mittwochsspielen Extraausgabe am Sonntag – mit Stefan, Matthias, Phil, Jerry

Wo Uwe Rosenberg seine Finger am Spiel hat, wird gerne was geerntet: Getreide, Bohnen, Wein. In Reykholt: die volle Dröhnung Gemüse.

In dem gleichnamigen isländischen Nest bauen wir Tomaten, Salat und anders Grünzeugs an. Dazu holen wir uns Gewächshäuser und ziehen darin Gemüse groß, das wir anschließend ernten und an hungrige Touristen verfüttern. Wer das am häufigsten schafft, gewinnt das Spiel.

Wer Reykholt sieht, erkennt sofort etliche typisch Rosenberg’sche Elemente: Wir haben Arbeiter, die wir auf Aktionsfelder entsenden. Dabei gibt es i.W. nur vier unterschiedliche Aktionstypen:

  1. Gewächshäuser bauen
  2. Gemüse erhalten
  3. Gemüse einpflanzen
  4. Gemüse ernten

Die Aktionsfelder unterscheiden sich dabei nur darin, wie sie die verschiedenen Basisaktionen kombinieren: „Bauen und säen“, „Bauen oder säen“, „1x ernten“, „3x ernten“, „Salat und Tomaten nehmen“, „Karotten oder Kohl nehmen“ usw.

Zentral  – und sehr ähnlich zu Agricola – ist der Saat- und Erntemechanismus: Eine einzige Tomate, eingesetzt in ein 6er Gewächshaus, vermehrt sich wundersam auf ein halbes Dutzend, das wir dann nach und nach abernten können. Nicht jedes Gemüse wächst in jedem Haus, was manche Sorten schwerer anbaubar macht als andere.

Der Spielrhythmus ist dabei sehr eingängig: Nach und nach setzen wir unsere 3 Arbeiter auf Aktionsfelder, um unsere Grünproduktion in Gang zu kriegen. Danach folgt eine Erntephase, in der wir aus jedem Häuschen ein Gemüse gewinnen. Zu guter letzt nehmen wir das so geerntete Gemüse und servieren es unseren Gästen in einer Bewirtungsphase. Das Servieren erfolgt tischweise in fester Reihenfolge: Dabei gilt: Am Anfang reichen Einzelportionen: 1 Tomate, 1 Salat, 1 Pilz. Später muss es dann schon ein ganzes Festmahl sein: 5 Tomaten, 5 Salate, 5 Pilze. Wer nach 7 Runden die meisten Tische abfertigen konnte, wird zum Gemüsekönig gekrönt.

Wer jetzt ruft, „Hey, das hört sich wie Vor den Toren von Loyang an“, der hat nicht ganz unrecht. Auch dort wird Gemüse gesammelt, auch dort ist das Ziel, auf einer Rennleiste die meisten Schritte zu machen.

Doch wo Loyang ein knallhartes, solitäreskes Optimierspiel war, kommt Reykholt kürzer, zugänglicher und leichtgewichtiger daher – und das im positiven Sinne.  Der entscheidende Geistesblitz bei Reykholt: In jeder Bewirtungsphase dürfen wir genau 1x einen Tisch abfertigen, ohne das dafür notwendige Gemüse abgeben zu müssen. Stattdessen bekommen wir es. Aus Ausgaben werden Einnahmen, mithin Saatgut für eine der nächsten Runden, Diese Kniff ist ebenso simpel wie genial, denn er mindert unsere Zwänge erheblich und macht das Spiel entspannter, ohne dass es dabei ins Triviale abrutscht.

In unserer Vierrerrunde stellt sich jedenfalls schnell ein guter Spielfluss ein: Die Symbole auf den Aktionsfeldern sind nach kurzer Gewöhnung eingängig, die Ziele klar und die einzelnen Aktionen – in den meisten Fällen – zügig abgehandelt. Zentrale Denksportaufgaben: welche Gemüsesorten pflanze ich selbst an, welche kaufe ich ein? Welche Tische bewirte ich, an welchem Tisch lasse ich mich bewirten? Das uralte Dilemma „kurzfristiger Erfolg vs. langfristig-solide Planung“ ist ständig präsent.

Thematisch fühlt sich Reykholt dabei sehr rund an: Häuser bauen, Kohl pflanzen, ernten und auftischen: da passen Mechanik und Präsentation bestens zusammen.  Überhaupt ist das Spiel redaktionell tadellos umgesetzt.  1-2 kleinere Fragezeichen gibt es (Startspielervorteil? Fipsige Größe der Spielerfiguren?) aber das ist nur Kleinkram. Besonders gelungen: die leicht textlastigen Aktionsfelder werden durch eingängige Symbole unterstützt, so dass man schon nach 2-3 Durchgängen nichts mehr entziffern muss. Ca. 1h brauchen wir zu viert und das knappe Endergebnis (Phil mit 1/2 Schritt vor Jerry) ist zumindest schon mal ein Hinweis, dass auch die Balance gelungen sein könnte.

Fazit: Ein ausgezeichneter erster Eindruck. Ich persönlich freue mich sehr über ein weiteres Spiel, das den unsäglichen Trend zu immer komplexeren Expertenspielen durchbricht und uns ein forderndes, aber doch vergnügliches Spielerlebnis in unter 1h ermöglicht. Daumen hoch!

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